Zehn Lektionen über den kreativen Prozess von Rick Rubin
Auch wenn euch der Name vielleicht nicht vertraut ist, haben diese Lektionen seinen Einfluss auf kreative Prozesse mit großer Wahrscheinlichkeit bereits wahrgenommen: Rick Rubin gilt als einer der bedeutendsten Musikproduzenten der Gegenwart.
Mich fasziniert Rick Rubins Ansatz zur Kreativität. Schon in meinem Studium habe ich das Seminar zum kreativen Schreiben geliebt und vertieft.
Rick Rubin beschreibt seine Rolle nicht als Produzent, sondern als „Reduzierer“ – jemand, der Dinge auf ihr Wesentliches zurückführt. Ich habe gerade sein Buch The Creative Act: A Way of Being gelesen. In Anlehnung an diesen Gedanken habe ich das Buch auf zehn meiner liebsten Erkenntnisse über den kreativen Prozess reduziert. Er gibt auch ganz tolle Podcasts, auf englisch.
Eins: Denke daran, dass die Sonne immer da ist
Zitat„Ich werde stark von der Sonne beeinflusst. An hellen Tagen fühle ich mich energiegeladen. An trüben Tagen bin ich selbst trüb gestimmt. An bewölkten Tagen hilft es, sich bewusst zu machen, dass die Sonne immer noch da ist. Sie ist lediglich hinter einer dichteren Wolkenschicht verborgen. Genauso verhält es sich mit den Informationen, nach denen wir suchen. Unabhängig davon, wie aufmerksam wir sind – sie sind da draußen. Wenn wir achtsam sind, können wir mehr davon wahrnehmen. Wenn wir weniger aufmerksam sind, entgeht uns vieles.“
Diese Beobachtung empfand ich als beruhigend. Licht, Klarheit und die Antworten, nach denen wir suchen, existieren – sofern wir aufmerksam genug sind, sie wahrzunehmen. Und an grauen Tagen werde ich mich daran erinnern, dass die Sonne immer noch da ist.
Zwei: Ablenkung ist keine Prokrastination
Zitat„Wenn wir im kreativen Prozess an einen Punkt gelangen, an dem wir nicht weiterkommen, kann es hilfreich sein, Abstand vom Projekt zu gewinnen. Dadurch entsteht Raum, in dem eine Lösung auftauchen kann. Wir können das Problem leicht im Hintergrund unseres Bewusstseins halten, statt es ständig in den Vordergrund zu drängen. So bleiben wir über längere Zeit mit ihm verbunden, während wir gleichzeitig einfache, unabhängige Tätigkeiten ausführen – etwa Autofahren, Spazierengehen, Schwimmen, Duschen, Geschirrspülen oder Tanzen. Diese Ablenkungen beschäftigen einen Teil des Geistes und ermöglichen dem Rest, offen für neue Einfälle zu bleiben. Dieser Zustand des Nicht-Denkens eröffnet Zugang zu einem anderen Teil unseres Gehirns – einem Teil, der mehr Perspektiven erkennen kann als der direkte Weg. Ablenkung ist keine Prokrastination. Ablenkung ist eine Strategie im Dienst der Arbeit.“
Dieser Gedanke hat mich besonders angesprochen. Meine konzentrierte Arbeit erledige ich meist morgens. Im weiteren Verlauf des Tages springe ich oft zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her. Dabei stelle ich regelmäßig fest, dass mir während einer Tätigkeit Ideen für ein ganz anderes Projekt kommen. Schön zu hören, dass Ablenkungen durchaus produktiv sein können.
Drei: Vergiss die Regeln
Zitat„Regeln führen zu durchschnittlichem Verhalten. Wenn wir etwas Außergewöhnliches schaffen wollen, gelten die meisten Regeln nicht. Es ist eine gesunde Übung, die eigene Arbeit mit möglichst wenigen übernommenen Regeln, Ausgangspunkten und Begrenzungen zu beginnen. Oft sind die Standards eines Mediums so allgegenwärtig, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen. Dadurch wird es nahezu unmöglich, außerhalb des gewohnten Rahmens zu denken. Wenn du malen möchtest, spannst du vermutlich eine Leinwand auf einen rechteckigen Holzrahmen und stellst sie auf eine Staffelei. Allein durch die Wahl dieser Werkzeuge hast du die Möglichkeiten bereits drastisch eingeschränkt – noch bevor ein Tropfen Farbe die Leinwand berührt hat. Ähnliche Konventionen finden sich in fast allen Kunstformen. Ein Buch hat eine bestimmte Länge und ist in Kapitel unterteilt. In jedem Medium existieren Normen, die unsere Arbeit einschränken, noch bevor wir überhaupt begonnen haben. Denke über das hinaus, was bereits gemacht wurde. Die Welt wartet nicht auf mehr vom Gleichen.“
Ja! Diese Passage hat mich dazu gebracht, einige der Regeln in meinen eigenen kreativen Projekten kritisch zu hinterfragen.
Vier: Suche nach den Samen, aus denen etwas Schönes wachsen kann
Zitat„In der ersten Phase des kreativen Prozesses sollten wir vollkommen offen sein und alles sammeln, was unser Interesse weckt. Man könnte dies die Samenphase nennen. Wir suchen nach möglichen Ausgangspunkten, die sich zu etwas Schönem entwickeln können. In dieser Phase sammeln wir lediglich. Das Sammeln von Samen gelingt am besten mit aktiver Aufmerksamkeit und grenzenloser Neugier. Es lässt sich nicht erzwingen, vielleicht aber bewusst fördern. Häufig sind die zuverlässigsten Wegweiser emotionaler und nicht intellektueller Natur. Begeisterung ist oft das beste Instrument, um zu erkennen, auf welche Samen wir uns konzentrieren sollten. Wenn sich etwas Interessantes zusammenfügt, entsteht Freude. Es ist ein belebendes Gefühl, mehr davon zu wollen. Ein Gefühl, sich nach vorne zu lehnen. Folge dieser Energie.“
Die Idee des „Sammelns von Samen“ erinnert mich stark an meine eigene Gewohnheit, Ideen zu sammeln und festzuhalten, ohne bereits zu wissen, wohin sie führen werden. Besonders gefällt mir der Gedanke, der Energie zu folgen.
Fünf: Entwickle eine Haltung des Überflusses
Zitat„Ein Strom von Material fließt durch uns. Wenn wir unsere Werke und Ideen teilen, wird dieser Strom erneuert. Wenn wir ihn blockieren und alles in uns behalten, kann der Fluss nicht weiterlaufen und neue Ideen erscheinen nur langsam. In einer Haltung des Überflusses versiegt dieser Strom niemals. Ideen kommen ständig. Ein Künstler kann sie freigeben, im Vertrauen darauf, dass weitere folgen werden. Das Bewusstsein von Fülle erfüllt uns mit Hoffnung, dass unsere besten Ideen noch vor uns liegen und unser größtes Werk noch nicht geschaffen wurde. So können wir in einem Zustand kreativer Dynamik leben: etwas erschaffen, loslassen, das Nächste erschaffen und wieder loslassen. Mit jedem Kapitel, das wir schreiben, sammeln wir Erfahrung, verbessern unser Handwerk und kommen unserem wahren Selbst ein Stück näher.“
Eine größere Menge an Ideen führt letztlich zu besseren Ergebnissen führt. Mehr Input schafft besseren Output. Ich erinnere mich gern an den massiv überladenen Schreibtisch von Karl Lagerfeld.
Sechs: Durchbrich den Rhythmus
Zitat„Setze dir Rahmenbedingungen, die dich aus deiner Komfortzone zwingen. Wenn du immer auf einem Laptop schreibst, verwende einen gelben Schreibblock. Wenn du Rechtshänder bist, male mit der linken Hand. Wenn du Melodien normalerweise auf Instrumenten entwickelst, versuche es a cappella. Wenn du mit professioneller Ausrüstung filmst, drehe einen ganzen Film mit dem Smartphone. Wenn du Rollen durch Recherche vorbereitest, versuche eine blinde Improvisation. Wähle einen Rahmen, der deinen gewohnten Rhythmus durchbricht, und beobachte, wohin er dich führt.“
Das ist ein interessanter Gegenpol zur Bedeutung von Beständigkeit in kreativen Gewohnheiten. Ich arbeite sehr routiniert, weiß aber auch, wie wertvoll es sein kann, neue Werkzeuge und Herangehensweisen auszuprobieren.
Sieben: Manchmal machen Fehler ein Werk erst großartig
Zitat„Menschlichkeit atmet Fehler. Wenn etwas nicht nach Plan verläuft, haben wir die Wahl: Wir können uns dagegen wehren oder es integrieren. Statt das Projekt aufzugeben oder frustriert zu reagieren, können wir überlegen, was sich mit dem vorhandenen Material noch machen lässt. Welche Lösungen können improvisiert werden? Wie kann der Fluss umgeleitet werden?“
Diese Passage brachte mich zum Schmunzeln. Sie erinnerte mich an Vorfälle bei meinem Job, bei dem sich dadurch - in meiner Beratung- die interessantesten Gespräche und Einsichten ergeben haben.
Acht: Kreativität ist etwas, das du bist – nicht nur etwas, das du tust
Zitat„Kreativität ist eine Art, sich durch die Welt zu bewegen – jede Minute, jeden Tag. Sobald du die Anforderungen eines kreativen Lebens annimmst, wird Kreativität ein Teil von dir. Selbst mitten in einem Projekt hältst du weiterhin Ausschau nach neuen Ideen. Jederzeit bist du bereit, innezuhalten, um einen Gedanken, eine Skizze oder einen flüchtigen Einfall festzuhalten. Es wird zur zweiten Natur. Wir sind immer darin, jede Stunde des Tages. Das bedeutet, offen zu bleiben für das, was uns umgibt. Aufmerksamkeit zu schenken und zuzuhören. Nach Verbindungen und Beziehungen in der Welt zu suchen. Schönheit zu entdecken. Geschichten zu finden. Wahrzunehmen, was uns interessiert und was uns nach vorne zieht. Und zu wissen, dass all dies verfügbar ist, wenn wir uns das nächste Mal an die Arbeit setzen und die rohen Eindrücke in eine Form bringen. Niemand weiß, woher die nächste großartige Geschichte, das nächste Gemälde, Rezept oder die nächste Geschäftsidee kommen wird. So wie ein Surfer die Wellen nicht kontrollieren kann, sind Künstler den kreativen Rhythmen der Natur ausgeliefert. Deshalb ist es so wichtig, jederzeit aufmerksam und präsent zu bleiben. Zu beobachten und zu warten.“
Dies ist meine Lieblingsstelle im Buch. Eine Erinnerung daran, dass wir nie wissen, woher die nächste Idee kommen wird. Stets aufmerksam und präsent bleiben – genau das.

