Prosit Neujahr

Dies ist ein Blogeintrag, der am 02.01.2013 erstmalig und exklusiv bei der Hobbyschneiderin veröffentlicht wurde. Merkbefreit mit Attest ist eine etwas andere Autorenplattform.


Der Jahreswechsel aka Silvester ödet mich wie jede ähnliche Zwangsfeierlichkeit an. Also Weihnachten, Geburtstage, irgendwelche tollen Sommer-/Herbstfeste von Übermuttis, um ihrem Nachwuchs eine Möglichkeit zum scheinbar kontrolliertem Ausflippen zu geben und sich selbst der Klappsmühle ein paar Meter näher zu schieben. In der heutigen Zeit muss alles ausarten. Jeder ist besser als der andere und überhaupt sind alle doof ausser Mutti.


Aber zurück zum Silvesterabend, die letzte Stunde des Jahres verrinnt gerade, wir verbringen die mit einer Handvoll Freunden auf der Straße vor dem Haus, um ein wenig mit den Nachbarn zu schwatzen und um den Nachwuchs beim Sammeln erster pyrotechnischer Erfahrungen zu beobachten.


Herr Schmierlapp, der vier Häuser weiter seine Familienmitglieder als Eigentum betrachtet, nutzt den Anlass „Silvester“ alljährich für die Knüpfung sozialer Kontakte. In diesem Jahr rannte er mit Sektchen in der Hand rum und quatschte alles voll, was blond, langhaarig und augenscheinlich unter 30 war. Abgesehen davon, dass Sekt gar nicht geht, ist der Typ an sich schon eine Katastrophe. Kommt, quakt rum wie toll doch dieser Abend ist, stellt Plastikgläser (SIC!) und ne Pulle Dreieurosekt auf die Straße, gröhlt „Ick schmeiss ´ne Runde Champagner!“ und legt den Arm um eine Freundin von mir. Die guckt den angewidert an und sagt: „Herzchen, geh mal wieder spielen, Du willst doch Dein Haus behalten...“ Auf den irritierten Blick hin ergänzt sie: „300 Euro die Stunde, aber erst ab übermorgen wieder... Also entweder nimmste mich oder behälst Dein Haus…“ Komplette Panik im Gesicht und ungeordneter Rückzug zu Mama. Den Sekt hat er in lauter Panik auch vergessen, der stand am Neujahrsmorgen immer noch auf der Straße. Meine Freundin arbeitet nicht in diesem Gewerbe und ist sonst auch eher schüchtern. Ihre Schlagfertigkeit hat sehr überrascht...


Ich bin mal heilfroh, dass ich nur zwei direkte Nachbarn in Sichtweite habe und davon nur eine Familie sagen wir mal leicht gewöhnungsbedürftig ist. Die beiden befinden sich im Herbst ihres Lebens und haben vor zwei oder drei Jahren das Haus gekauft. Natürlich gehört zu einem Haus auch ein Hund. Ein großer Mischling. Aus dem Tierheim. Dumm nur, wenn der Hund macht, was er will. Also: Tiertrainer her. Nach einem halben Jahr ging dann Frauchen mit dem Hund Gassi und nicht mehr umgekehrt. In der Zwischenzeit hatte Frauchen diverse Schotterflechten, da Herr Hund sie mehrfach einfach umgerissen hat und mit ihr an der Leine losgerannt ist.


Ihr Mann kann kaum noch laufen und sich somit erfolgreich vor der Hundebespaßung bzw. der täglich mehrfach nötigen Hundeentleerung drücken. Am Silvesterabend kurz vor Mitternacht kam dem Herrn Hund offenbar ein nicht nur menschliches Bedürfnis. In einer offensichtlichen Art von Automatismus hat meine hochverehrte Nachbarin die Töle einfach rausgelassen.


Es kam, wie es kommen musste: Herr Hund bekam den Rappel seines Lebens, da hier im Ort wie in jedem Jahr jeder zeigen muss, dass man Feuerwerk nicht bei Aldi kauft sondern schon mal den Gegenwert eines gebrauchten Mittelklassewagens in die Luft ballern kann und morgen trotzdem noch Fleisch auf dem Tisch hat.


Ich mag den Hund nicht, aber in dem Moment war ich kurz davor, den einzufangen und ins Tierheim zurückzubringen. Solche Leute kotzen mich komplett an. Ekelhaft, widerlich, sich selbst nicht mehr mitbekommend… Von weitem sah ich, wie eine Dame aus der Nachbarschaft der Hundehalterin wild gestikulierend Vorträge über ihr Fehlverhalten hielt. Ich wusste in dem Moment schon, dass das vergebene Liebesmühe ist. Sie versteht es nicht mehr…


Wie auch immer: The show must go on. Am Neujahrsmorgen haben die meisten politisch korrekt natürlich vor dem Frühstück den Pyromüll aus ihren Vorgärten gesammelt und keiner spricht mehr über den letzten Abend. Die Sektflasche steht immer noch auf der Straße. ICH fass die nicht an.


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